Marcheur

Warum Barfußschuhe?

Ist Laufen mit Barfußschuhen schädlich?

Wenn man ernst nimmt, dass das Laufen dem Menschen in den Genen steckt, kann man nicht behaupten, Laufen mit Barfußschuhen sei schädlich. Denn auch die Füße müssten ja dann zum Laufen gebaut sein.

© José Luiz Bernardes Ribeiro

In einem sehr geschätzten Podcast hörte ich letztens ein Interview. In diesem Interview wurde darüber geschwärmt, dass der Mensch für’s Laufen geboren wurde, dass es ihm in den Genen steckt. Das hört und liest man ja oft. Zwei, drei Sätze später betonte derselbe Interviewgast aber, wie wichtig es für Anfänger ist, sich „ordentliche“ Laufschuhe im Laufladen mit Laufbandanalyse zu kaufen. Ist das Laufen ohne diese „ordentlichen“ Laufschuhe, ohne Dämpfung und Stützung schädlich? Nein, wenn man ernst nimmt, dass der Mensch zum Laufen geboren ist und es ihm in den Genen steckt, müssen auch seine Füße entsprechend gebaut sein. Daraus folgt: das Laufen mit Barfußschuhen ist nicht schädlich.

Naja, so ganz stimmt das auch nicht. Denn unsere Füße sind nicht mehr so, wie sie einmal gedacht waren. Schuld daran sind jahrzehntelanges Einsgesperrt sein.

Unsere verkümmerten Füße

Sie führen ihr Leben meist im Verborgenen. Abgeschlossen von ihrer Außenwelt fristen sie den Großteil ihres Daseins eingeschlossen, wie dereinst Caspar Hauser, komplex und hochtalentiert, von den Sinneseindrücken der Welt abgekoppelt. Dabei sind sie mit solch empfindlichen und wichtigen Sinnen ausgestattet, welche sie allerdings nie nutzen können und dürfen. Stattdessen sind sie ständigem Druck und Stress ausgesetzt und bilden hier und dort notgedrungen einen Schutzpanzer aus. Die Rede ist von den Füßen. Der Druck und Stress geht von dem sie umgebenden Schuhwerk aus. Die ständige Reibung durch die verschiedenen Druckstellen führen zu einer Verdickung der Haut, dem Schutzpanzer, einer zähen, überschüssigen Hornhaut. Zudem fühlen sich Bakterien in diesem feuchtwarmen Klima sehr wohl. So entsteht unangenehmer Schweißgeruch, der nicht ganz unbeteiligt daran ist, dass der Fuß, schuldlos, zu einem der weniger beliebten und oft geächteten Körperteile des Menschen gehört. Innerlich verkümmert der Fuß aufgrund seiner eingeschränkten Bewegungsfreiheit und kann sich oft nach vielen Jahren des Eingesperrtseins und der Bevormundung kaum alleine in einer aufrechten, gesunden Position halten.

Die Füße beeinflussen den gesamten Körper

Dabei hätte der Fuß vielmehr Zuwendung und Respekt verdient, da er, wie bereits angeklungen, so ein komplexes und hochtalentiertes „Wesen“ oder Gebilde ist. Er ist viel mehr als das andere Ende unseres Körpers. Er ist der wichtigste Teil des Gehapparates, um hier diesen technischen Begriff einmal zu nutzen. Dieser erstreckt sich von den Füßen bis hoch in den Nacken, zum Kopf. Funktioniert dieser Anfangsteil nicht richtig, kommt es auch in den Teilen des sich nach oben fortsetzenden Apparates zu Schwierigkeiten. Der Fuß stellt gewissermaßen das Bindeglied zwischen Erde und Mensch dar. Aus diesem Grund sollte er auch nicht nur über eine kräftige Muskulatur verfügen, welche nicht nur ihn sondern auch den Menschen aufrecht hält, sondern ertasten können, auf welchem Untergrund er sich aufhält – Stichwort Sensomotorik.

Warum wir unsere Füße einsperren

Weshalb werden unsere Füße derart nachlässig und respektlos behandelt? Zum einen ist es so, dass zum guten Ton in den meisten sogenannten zivilisierten Gesellschaften eine ansehnliche Fußbekleidung dazugehört. Kleider machen bekanntermaßen Leute. Also steckt auch eine mächtige Bekleidungsindustrie dahinter, die dem Fuß auf einer Seite nicht bloß die un-erdenklichsten Modeerscheinungen, nebst passender Fußhaltung und -stellung im wahrsten Sinne des Wortes aufzwingt, sondern auf der anderen Seite auch genau zu wissen vorgibt, was das Beste für die Füße sei. So gibt es einen ganzen Industriezweig, der, ganz nach dem Motto „auf die inneren Werte kommt es an“, ihr Augenmerk auf die Schwäche der eingeschlossenen Körperteile richtet und zu deren Gunsten weitestgehend auf optische Besonderheiten und Schick verzichten will. Mit anderen Worten werden dem Fuß Krücken unter die Arme geklemmt, weil er ja alleine nicht mehr richtig laufen kann.

Ein weiterer Grund, warum der Fuß größtenteils beschuht leben muss ist, dass man ihn schützen will. Man will ihn vor allem vor Kälte, Schmutz und Verletzungen schützen. Außerdem ist er ja so sensibel. Man will ihm die ganzen unangenehmen, mitunter schmerzhaften Empfindungen beim Laufen über unebene Oberflächen nicht zumuten. Dabei ist er von Haus aus zu einem durchaus wehrhaften Wesen veranlagt. Dass er zu einer robusten und dennoch empfindsamen Natur werden kann, wenn man ihn lässt, zeigt, wozu er im Stande war und sein musste, lange bevor man überhaupt auf die Idee kam, erstens regelmäßig Schuhwerk zu tragen und zweitens daraus sogar eine Industrie zu entwickeln, die letztendlich (erfolglos) versucht das auszubügeln, was in erster Linie das Schuhe tragen verursacht hat, indem sie einfach neue, feste, „gesündere“ Fußbekleidung erfindet. Das ist, man erkennt es schnell, eine Art Teufelskreis, aus dem es kaum ein Entkommen zu geben scheint.

Der Fuß als Sinnesorgan

Es ist doch eigentlich gar kein Wunder, dass die Fußsohlen so empfindlich sind. Wer lange in der Dunkelheit verbracht hat, wird auch plötzlich auftretendes helles Licht als eher schmerzhaft empfinden. Trotzdem würden doch die wenigsten deshalb auf die Idee kommen, dass es deshalb das Beste für die Augen sei ständig mit einer Sonnenbrille herumzulaufen, gar die Augen ganz zu verbinden oder das Licht zu meiden. Dieser Vergleich hinkt natürlich wie die meisten etwas, da ja die Füße trotzdem doch irgendwie ihren Dienst tun. Sie halten immerhin den Körper – im günstigsten Fall – aufrecht und bewahren ihn davor, beim Stehen und Gehen umzukippen. Der Vergleich ist aber in dem Sinne zutreffend, als dass er eine meist übersehene Aufgabe der Füße verdeutlicht: Der Fuß als Sinnesorgan. Der Fachmann spricht dabei von der Propriozeption.

Kompromiss Barfußschuh

Was der Natur des Fußes am meisten entspricht und entgegenkommt, ist – man wird es vermutlich erraten können – barfuß zu gehen. Wer sich davor scheut, muss ihn ja nicht gleich an die frische Luft vor die Tür setzen. Eine guter Kompromiss ist, ihn zwar zu schützen vor zunächst zu starken äußeren Umwelteinflüssen und ihm dennoch eine große Bewegungsfreiheit und das langsame Ertasten der Umgebung zu ermöglichen. Dieser Kompromiss kommt in Form eines sogenannten Minimalschuhs oder auch „Barfußschuhs“ daher. Diese Schuhe bieten dem Fuß ausreichend Platz und verzichten auf eine dicke, steife Sohle.

Wie gesagt, es ist ein Kompromiss, es sind immer noch Schuhe und Barfußgehen ist nicht das Selbe wie das Gehen in Barfußschuhen. Dessen sollte man sich bewusst sein. Natürlich ist das nur ein Schritt auf dem Weg zu kräftigen und gesunden Füßen. Besonders vorteilhaft ist aber eine insgesamt angemessene Aufmerksamkeit und ein angemessenes Bewusstsein für unsere Freunde da unten zu entwickeln, auf das wir und sie frei seien und sie uns noch lange aufrecht tragen mögen. In diesem Sinne: Grüße an die Füße. Und wie heißt es so schön: Auch die längste Reise beginnt mit einem ersten Schritt.

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